Mit den Augen der anderen...

Watt und Leuchtturm...internationale Netzwerke sind wichtig für Pellworm

Manchmal braucht man Abstand, um das Besondere in der eigenen Heimat zu entdecken. Viele Pellwormer Jugendliche waren schon weit weg. Von Australien, den USA und Neuseeland haben sie einen neuen Blickwinkel für ihre Insel bekommen. Das Vertraute aus größerer Entfernung, auch mal mit den Augen anderer zu sehen, kann den Horizont erweitern und die eigenen Probleme und Wünsche in neuem Licht erscheinen lassen.


Der Verein Ökologisch Wirtschaften hat seit seiner Gründung 1990 viele Kontakte auch im Ausland geknüpft, um sich diesen unvoreingenommenen Blick von Außen zu Nutze zu machen. Wir haben durch den Erfahrungsaustausch mit Menschen, die sich für ein gesundes Gleichgewicht zwischen Wirtschaftsentwicklung, Umweltschutz und Fremdenverkehr engagieren, viele Anregungen und Unterstützung  bekommen, aber auch anderen nützliche Anregungen geben können.

Das vom Verein 1994 gegründete Netzwerk ECOISLANDS schaffte erste internationale Verbindungen zur estnischen Insel Hiiumaa, Alonysos (Griechenland), Elba (Italien), und La Palma (Canarische Inseln). Mit Hiiumaa entstand die sogenanne Woll-Connection. Pellwormer Wolle bekam durch die  Partnerschaft der Inseln wieder einen Wert, weil sie in den langen Wintern auf Hiiumaa von einer Gruppe Landfrauen  in Pullover, Mützen und Socken verwandelt wurde. Vor allem diese freundschaftliche und wirtschaftliche Verbindung zwischen den Inseln war der Schlüssel für neue Märkte. Auf Hiiumaa wurden still gelegte Verarbeitungsmaschinen wieder in Betrieb genommen und auf beiden Inseln neuer Unternehmergeist geweckt.  Die Wollwerkstatt und der Pellwormer Trawler („PellOver“), später auch das Wolle-Filzen, wurden Teil des Fremdenverkehrsangebots und der Werbung der Pellwormer Gemeinde, zum Beispiel auf der Grünen Woche in Berlin.

1998 wurde der Verein Mitglied im Europäischen Netzwerk für Erfahrungen mit Nachhaltiger Entwicklung (ENENE). Dieses Netzwerk hat Erfolgsgeschichten einer neuen ländlichen Entwicklung aus ganz Europa zusammengebracht, die in Dörfern, Regionen oder Inseln einen Ausgleich zwischen Modernisierung der ländlichen Wirtschaft und dem Naturschutz geschaffen haben. Pellworm war Teil der Wanderausstellung, die von Estland bis Portugal quer durch Europa zog. Viele Menschen haben in dieser Ausstellung und auf den gleichzeitig stattfindenden Podiumsdiskussionen und  Workshops gelernt , wie sich auch entlegene Regionen modernisieren können, ohne ihre kulturelle Eigenständigkeit und Besonderheit zu verlieren. Pellworms Ausstellungsbeitrag, der im Jahre 2000 in Brüssel und später bei der EXPO 2000 zu sehen war, bestand in einem offenen Brief an den damaligen Agrarkommissar Fischler, dessen Inhalt heute noch  erstaunlich aktuell ist.

Aus diesem Europäischen Netzwerk ist später die gemeinnützige Organsation Forum Synergies entstanden, die unter anderem an verstärkten Kontakten mit den neuen Mitgliedstaaten der EU (PREPARE Netzwerk), einem Austauschprogramm für Jugendliche (YEST) und für sanften Tourismus (SHE) beteiligt waren. Isobel Holbourn von der Insel Foula und Jane Puckey aus Papastour, beides schottische Shetland Inseln, haben in diesem Rahmen Pellworm mehrfach besucht und Pellwormer Gäste bei sich empfangen.

Für die Entwicklung des Pellwormer Energiekonzepts spielten unsere Kontakte zum inernationalen Inselnetzwerk ISLENET eine wichtige Rolle. ISLENET gab Hinweise auf Steuerungstechniken und Einsparmöglichkeiten und bietet heute eine große Palette an Beratungs- und Dienstleistungen für ihre Mitglieder in den Bereichen erneuerbare Energien und Umweltschutz an. Neben den Vorreiterinseln für modernste Umwelttechnologie Gotland, Aero, Bornholm und vielen anderen, ist auch Hiiumaa jetzt ständiges Mitglied von ISLENET geworden. Das von der EU sehr gut ausgestattete Netzwerk wird von den schottischen Western Isles getragen und bietet Beratung sowie Fortbildng bei der kombinierten Nutzung von Sonne, Wind, Biogas und Termalspeicherung, Bennstoffzellen, nachhaltigen Transportsystemen, energiesparenden Bauweisen und spezifischer Nutzung von Meeresenergieformen an. Am 9/10. Oktober diesen Jahres findet in Brüssel eine internationale Konferenz von ISENET zu Zukunftstechnolgien und regionaler Entwicklung statt. Eine Chance für Pellworm den Anschluss zu finden?

Inseln bieten sich als Pilotregionen für integierte ländliche Entwicklungskonzepte besonders an. Vor allem wegen der weiten Transportwege, der Marktferne und der großen Abhängigkeit von Witterungsbedingungen und öffentlicher Förderung sind Inselgemeinden gut beraten, sich national und international zu vernetzen und ihre manchmal schwierige Lage in Vorteile zu verwandeln. Die EU wird in Zukunft Inseln auch nur gesondert fördern, wenn ein Mehrwert für die Gemeinschaft zu erwarten ist. Dazu müssen sich Inseln zusammenschließen und etwas Gemeinsames einfallen lassen.

Pellworm gehört heute aus unterschiedlichsten Gründen nicht zur Gruppe der international aktiven und führenden Inseln für nachhaltige Entwicklung und Innovation. An den finanziell gut ausgestatteten EU-Programmen LEADER und dem nationalen Programm Regionen Aktiv hat Pellworm nicht oder nur am Rande teilgenommen, weil die Gemeindevertretung und der Verein Ökologisch Wirtschaften in den entscheidenden Momenten nicht an einem Strang zogen. Das Scheitern isolierter Förderansätze wie das Call Center hätten vermieden werden können, wenn die Erfahrungen anderer Inseln und Gemeinden mit derartigen Billigjobs vorher eingeholt worden wären. Auch die Verbindung zu Pellwormern am Festland und in wichtigen Institutionen ist über die Parteigrenzen hinweg nicht systematisch genutzt worden.

Der überall zu beobachtende Rückzug in die Privatheit ist in Zeiten der Verunsicherung über die Zukunftsfähigkeit  unserer Insel verständlich, trägt aber nicht zur Lösung der aktuellen Pobleme bei. Die spürbare Vereinsmüdigkeit und der Bedeutungsverlust des Amtes Pellworm könnten die Hilfsbedürftigkeit der Mehrheit der Einwohner noch weiter erhöhen und die Chancen im Hinblick auf neue Arbeit- ud Einkommensmöglichkeiten eher weiter senken. Pellworm hat sich mit einem familien- und umweltfreundlichen Urlaubsangebot einen besonderen Namen gemacht. Aber die verschiedenen Sektoren der Inselwirtschaft haben sich nicht auf die notwendige internationale Vernetzung und Erneuerung eingestellt, mit der die Nachteile der Insellage ausgeglichen werden könnten. Die Grüne Insel, mit der Pellworm wirbt ist solange nicht wirklich überzeugend, wie die Modernisierung der Landwirtschaft, des Fremdenverkehrs und der Energieversorgung sich nicht von Festlandsangeboten absetzt und auf höhere Qualität und erlernbre Erneuerung setzt.Pellworm kann nur bleiben wie es ist, wenn es sich gemeinsam mit anderen Inseln verändert.

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