Charme in Büchsen

Eine Entdeckungsreise zur französische Küstenfischerei
   
Am 29. Oktober 2009, so gegen halb fünf Uhr nachmittags, taucht plötzlich am westlichen Horizont ein Band winziger Punkte auf, die sich schnell der Küste nahern. Es ist die kleine Fischereiflotte von Guilvinec, einem der bedeutendsten Fischereihäfen der Bretagne an der äußersten Westspitze Frankreichs.


Kleine Flotte ist untertrieben. Punkt fünf wimmelt es im Hafenbecken nur so von den kurzen 400 PS starken Kraftpaketen. Wir zählen 22 Fischerboote. Einer nach dem anderen tippt mit dem Bug an die Kaymauer um den Fang zu entladen: Langusten, Taschenkrebse, Jacobsmuscheln, Tintenfische, Seeteufel, Rochen, Katzenhaie, Barsch, Dorsch, - was das Meer an diesem Tag bereit war herzugeben.

„Pro Jahr landen wir rund vier Millionen Tonnen Fisch und Schalentiere an“, sagt Robert Bougueon, Fischmeister und Präsident des Commitée des Pêcheurs von Guivinec, einer Art Berufsvertretung oder Fischereikammer, wie sie in Frankreich, - nicht aber in Deutschland, existiert. Das Commitée wählt wiederum ihre Vertreter in regionale und nationale Fischereiverbände, die gegenüber den nationalen Behörden und Regierungsvertretern die Interessen der Fischer vertreten. Guilvinecs Fischer haben offenbar nicht nur reichen Fang, sie haben auch eine anerkannte Lobby.

„Vier Millionen Tonnen -, sagt Robert, - das gab es nicht immer. Wir mussten weniger und gezielter fischen, um dieses gute Ergebnis zu erreichen. Mit solchen Parolen steht ein ungewöhnlicher Vertreter an der Spitze der rund 60 Fischer, die in Guilvinec beheimatet sind. Vor rund 10 Jahren hat er seinen Leuten gesagt: „ wenn ihr unsere Fischbestande nicht besser schont und pflegt, gibt es für uns alle keine Zukunft“.

Er war der Meinung, dass viel zu viele nicht ausgewachsene  Muscheln, Fische und Krebstiere gefangen wurden und so der Nachwuchs den Fang nicht ausgleichen konnte. Er hat dann ein neuartiges Schleppnetz geknüpft, durch dessen Maschen die kleineren  Fische und Schalentiere entkommen und nur die wirklich Ausgewachsenen gefangen werden. „Es war alles andere als einfach, sagt er, dieses neue Netz auf die Kutter zu kriegen: „Sag mal einem Fischer, er soll weniger fischen, damit er am Ende mehr hat. Der fasst sich an den Kopf und lässt dich stehen.“

"Was gewirkt hat, war so stur zu bleiben wie wir eben sind. Wir haben einen nach dem anderen für das neue Netz gewonnen. „2004 waren unsere Fänge auf dem Niedrigstand von knapp zwei Millionen Tonnen angekommen. Heute haben wir wieder die doppelten Fänge, weil wir alle schonender und selektiver fischen, sagt Robert und lasst sein grünes Netz durch die Finger gleiten.

Inzwischen ist in der Fischhalle schon Hochbetrieb. Eine Kiste nach der anderen wird auf das Fliesband gestellt, gewogen und von vielen neugierigen Augen betrachtet. Ganze Schulklassen sind zum Unterricht vor Ort gekommen. Ihnen wird der bedrohliche Seeteufel wie eine Kasperlepuppe vorgeführt und erklärt, wovon er sich ernährt. Touristen betrachten neugierig die zum Teil bizarren zappelnden Lebewesen aus der Tiefe. Von vielen unbemerkt laufen zwischen den Fließbändern aber auch Herren mit eigenartigen Apparaten herum, die wie Funksprechgeräte aussehen. Nach kurzem Blick auf die angelandete Ware fixieren sie ihren Blick auf die großen rot-schwarzen Anzeigetafeln, auf denen in atemberaubendem Tempo Zahlenreihen und Buchstaben erscheinen und wieder verschwinden.

„Das sind die Auktionäre, die die einzelnen Partien für den Fischgroßhandel ersteigern, sagt Renée Pierre, der uns mit Robert in die Fischhalle begleitet hat. Er ist Geschäftsführer und Mann für internationale Beziehungen im Fischerei-Committée. „Auf der linken Tafel steht der  jeweilige Fisch, der versteigert wird, auf der rechten die Langustengröße, die gerade gehandelt wird, erklärt er. Wie ihr seht, geht der Preis immer sehr schnell nach unten. Jeder Händler wartet möglichst lange, um die Partie Fisch oder  Langusten möglichst billig zu bekommen. Da -, jetzt haben sie den Barsch für gerade mal zwei € pro Kilo gekauft. Was bezahlt ihr dafür im Fischgeschäft? Bestimmt mehr als das fünffache. Aber die Kiste mit Krabben da vorne, habt ihr das gesehen? 19 Euro das Kilo. Was zahlt man euch Krabbenfischern in Péllwörme dafür?

„ Zur Zeit zwei Euro“ sagt Jeje.  - „Das ist ja unglaublich. Wer kauft denn bei Euch die Krabben? staunt Renée. Jeje erzaehlt, dass entlang der Nordseeküste im Wesentlichen zwei Krabbenaufkäufer den Markt beherrschen; dass die Krabben nach Marokko zum Schälen verfrachtet und dann erst in den Handel kommen. Er erzählt auch, dass sein Sohn und er schon mal drüber nachgedacht haben, vielleicht eine Krabbelschälmaschine anzuschaffen und dann den lokalen und regionalen Markt zu beliefern, um einen besseren Preis zu bekommen.
 
„Schésché-" , entgegnet Renée, -"wenn ihr bei euch nur sieben Fischer seid, dann habt ihr eine gute Chance das hinzukriegen. Das Wichtigste ist, dass ihr die Krabben nicht mehr einfach abliefert, sondern zu besonderen Spezialitäten verarbeitet. Dann seid ihr raus  aus der Spekulation, wie ihr sie hier gerade gesehen habt.  Bei unseren Mengen hier klappt das nicht mehr, aber ihr solltet das versuchen. Ihr seht ja: die Krabben sind hier knapp und daher etwas besonderes. So kommt der hohe Preis von 19 Euro zu Stande. Wenn ihr eure Krabben und euren Fisch als lokales Produkt vermarktet, bekommt ihr einen größeren Teil vom großen Krabbenkuchen ab. - Vielleicht hilft euch ja auch euer zuständiges Ministerium oder die Fischereikammer, “ fügt er etwas verschmitzt hinzu.

„ Ich will nicht unhöflich sein, " sagt er dann, "aber wir sind auf die deutsche Fischereipolitik nicht besonders gut zu sprechen. Deutschland hat von Anfang an auf die industrielle Hochseefischerei gesetzt. Eure Regierung hat die eigene handwerkliche Küstenfischerei, wie wir sie in Frankreich haben, offenbar im Stich gelassen. Das hat sich indirekt auch über die Fischereipolitik der EU  auch negativ auf uns ausgewirkt."

"Die europäische schwimmende Fischverarbeitungsindustrie, erklärt er, fängt auf den Weltmeeren alles was sich bewegt, ohne Rücksicht auf Fangquoten oder Schonzeiten. Sie bringt Fischprodukte aus Asien und Afrika ohne Zollschranken so billig auf den Markt, dass wir auf den Fischmärkten auf Dauer nicht mithalten können. Da nützt es uns auch nichts, sagt er, - und zeigt auf Robert, wenn wir unsere eigenen Bestände schonend befischen. Ihr habt ja auf den Anzeigetafeln bei der Auktion gesehen, wie weit der Preis in den Keller ging. Da sagen dann unsere Fischer am Ende, wir müssen wieder mehr fischen, um den Preisverfall auszugleichen. Ein Teufelskreis: Die Fischindustrie geht auf Raubzug auf die Weltmeere und macht unserem nachhaltigen Küstenfischereihandwerk die Preise kaputt."

Wir wollen es genauer wissen. Wir schauen uns in Concarneau, zwanzig Kilometer südöstlich von Gulvinec eine kleine Fischkonservenfabrik an, die, - klein aber fein - am Markt Erfolg zu haben scheint. Samuel, ein Freund aus der Normandie, der früher bei Greenpeace Frankreich tätig war, und vor rund 10 Jahren gegen die Meinung vieler Greenpeace Kollegen für die Erhaltung der Konservenfabrik eingetreten war, hat uns dorthin geführt.

La Conserverie de Courtin beschäftigt 12 Menschen, die „aus allem was das Meer uns schenkt“ besondere Köstlichkeiten zaubert. Durch einen winzigen Laden direkt am Hafen gelangen wir in die kleine Verarbeitungshalle im Hinterhof. Eine charmante Mitarbeiterin verrät uns das Rezept der Fischsuppe von Corcarneau, „weil es so unglaublich einfach ist“.

„Wir verwenden die besonders grätenreichen aber sehr schmackhaften Fische, die man schlecht filettieren oder als Ganzes verkaufen kann," sagt sie; - auch den guten Beifang, Algen und so weiter. Das Ganze wird ohne jede Zusätze drei Stunden lang geköchelt. Dann fügen wir Zwiebeln,  Gemüse und Kräuter hinzu. Am Schluss, wenn die Gräten und sonstigen Reste herausgefischt sind, wird Schiffszwieback hinzugefügt, um die Suppe sämig zu machen. Der Zwieback ist ein altes Rezept unserer Seefahrer, sehr geschmackvoll und lange haltbar.“

Lange haltbar sind auch die Vielzahl von Konserven und Fischdöschen, die die Fabrik verarbeitet. Die gute alte Ölsardine erscheint in neuem modernen oder Retro-Design. Aber auch Makrele, Jacobsmuscheln, Tunfisch, Queller, Langusten, Seeteufel und Algen sind hier in kleinen Döschen und Gläschen verschwunden und warten darauf, zu guten Weinen als Aperitif oder kleine Gaumenfreude zwischendurch vernascht zu werden. „ Das Gute ist knapp und ein wenig teurer", sagt Jacqueline, unsere Suppenköchin. Aber wer sich für uns und unsere Region interessiert, will weder Viel noch Billiges haben. Wir überzeugen unsere Kunden mit der Vielfalt, die uns das Meer anbietet und wir lassen nichts verkommen.

Mit vielen gelben Taschen beladen verlassen wir die Conserverie. War es der Charme der jungen Dame, die uns die köstliche Suppe schlürfen lies? War es die unglaubliche Vielfalt des Angebots und die französische "haute culture" des guten Essens? Wollten wir SchéSché einen Floh ins Ohr setzen, dass auch Krabben und ihr Beifang, vielleicht gar Meeräschen und ihre Organe unsere Kurgäste begeistern könnten? Oder war es am Ende die gute alte Ölsardinenbüchse, die gerade wieder in Mode kommt?

Müde zurück in Brüssel, nach langer Bahnfahrt, gehen wir nach guter französischer Art einen Aperitif trinken. Auf einem kleinen Teller wird uns ein amuse geule, eine Gaumenfreude gereicht: Tintenfisch in seiner eigenen Tinte, Sardinen in Olivenöl und Foie de Morue aus der kleinen Dose....

· Der Bericht in französischer Übersetzung
als PDF (144 KB)

Ein Reisebericht von Jeje Ohrt, Uwe Kurzke und Hannes Lorenzen

[ ↑ ]